Conversations with Queer, Trans, Migrant, Disabled, and Diasporic Activists
Einbettung und Kontext
Die Veranstaltung „Mutual Aid and Care – Perspektiven und Praktiken im Queer- und Trans-Aktivismus“ fand am Montag, 20. Oktober 2025, im barrierearmen Raum 4lthangrund (Wien) statt und wurde vom XAOS Queer Care Club Vienna organisiert. Die Veranstaltung war Teil der öffentlichen Programmarbeit des neu gegründeten Vereins und stellte zugleich dessen politische, organisatorische und fürsorgliche Ausrichtung vor.
In einer gesellschaftlichen Situation, die geprägt ist von zunehmenden faschistischen Tendenzen, Sozialabbau sowie der Verstärkung von Rassismus, Antisemitismus, Ableismus und Transphobie, setzte die Veranstaltung einen bewussten Gegenakzent: Mutual Aid und Care wurden als politische Praxis des Widerstands, der Beziehungspflege und der kollektiven Verantwortung verhandelt.
Kurz vor der Veranstaltung waren zwei Menschen aus der Community verstorben. In Reaktion darauf wurde der Abend diesen beiden Personen gewidmet. Die Veranstaltung transformierte sich spürbar zu einer kollektiven Trauer-, Erinnerungs- und Care-Praxis, in der politische Analyse, gemeinsames Lernen und emotionales Tragen von Verlust miteinander verflochten waren.
Organisation und Zielsetzung
Der XAOS Queer Care Club Vienna ist ein Verein von und für Menschen mit chronischen gesundheitlichen Herausforderungen und die Netzwerke, die sie tragen. XAOS versteht Fürsorge als transnational, verflochten und jenseits normativer Vorstellungen von Beziehungen und Abhängigkeiten. Verankert in den Lebensrealitäten queerer, trans*, intersexueller und nonbinärer Menschen in postmigrantischen Kontexten arbeitet XAOS an den Schnittstellen von Gesundheit, Dis/Ability, kollektiver Fürsorge und queer-feministischer Weltgestaltung.
Die Veranstaltung war als horizontaler Wissensaustausch konzipiert und verfolgte insbesondere folgende Ziele:
- Sichtbarmachung von queeren und trans Erfahrungen als zentrale Wissensquellen
- Austausch zwischen lokalen Akteur*innen und internationalen Gästen
- Gemeinsames Erkunden von weniger schädlichen und zugleich nährenden Formen gegenseitiger Hilfe und Fürsorge
- Öffentliche Vorstellung des Vereins XAOS Queer Care Club Vienna
Format und Ablauf
Das Veranstaltungsformat umfasste:
- kurze Inputs der geladenen Gäst:innen zu ihren Perspektiven und Praxiserfahrungen
- moderierte Gespräche zwischen den Gäst:innen
- moderierte Diskussionen unter Einbeziehung des Publikums
Der Abend dauerte von 19:00 bis 21:30 Uhr (Einlass ab 18:30 Uhr).
Eingeladene Gäst:innen
Die Veranstaltung brachte internationale und lokale Perspektiven zusammen:
Dean Spade – seit über 25 Jahren in Queer- und Trans-Liberationsbewegungen aktiv, engagiert gegen Militarismus sowie für die Abschaffung von Polizei und Gefängnissen. Autor u. a. von Normal Life und Mutual Aid: Building Solidarity During This Crisis (and the Next) sowie des neueren Buches Love in a Fucked Up World.
Cindy Barukh Milstein – diasporisch-jüdisch anarchistisch, Autorin u.a. von TryAnarchism for Life und Herausgeberin von Rebellious Mourning und Constellations of Care. Langjährige Erfahrung in vielfältigen sozialen Bewegungen, mit Fokus auf Rituale des Widerstands, kollektive Trauer und queere Selbstorganisierung.
Verein für die Barrierefreiheit in der Kunst, im Alltag, im Denken – ein Wiener Verein, der intersektionale Perspektiven auf Barrierefreiheit, Wohnen, Kunst und Community-Bildung zusammenführt, u. a. durch Projekte wie das Intersektionale Stadthaus.
Inhaltliche Schwerpunkte
Zentrale Themen des Abends waren:
- Mutual Aid als nicht-hierarchische, solidarische Praxis jenseits karitativer Logiken●
- Care als politischer Akt, der Beziehungen, Zärtlichkeit und Verletzlichkeit ernst nimmt
- Die Verbindung von Trauerarbeit, Aktivismus und kollektiver Resilienz
- Lokale und transnationale Care-Netzwerke als Antwort auf institutionelles Versagen
Die Beiträge machten deutlich, dass solidarische Selbstorganisierung historisch und gegenwärtig eine Überlebensstrategie marginalisierter Gemeinschaften ist – entstanden aus Notwendigkeit, Lebensfreude, Liebe und Widerstand.
Barrierefreiheit und Inklusion
Die Veranstaltung war umfassend barriereorientiert gestaltet:
- rollstuhlgerechter Zugang
- Hauptsprache Englisch, mit Übersetzung in Österreichische Gebärdensprache (ÖGS)
- Care-Protokoll mit Fokus auf COVID, Grippe und Schutz immungeschwächter Personen
- neurodiversitäts- und mental-health-bewusste Kommunikation
Zusätzlich wurde eine Live-Übertragung angeboten. Dadurch konnten Menschen teilnehmen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht vor Ort sein konnten, sowie ein internationales Publikum. Rund 100 Personen waren online zugeschaltet; vor Ort war die Veranstaltung mit 200 Besucher*innen vollständig ausgebucht.
Dokumentation und Weiterverbreitung
Die Veranstaltung wurde audio- und videodokumentiert. Teile der Aufzeichnung werden im Rahmen der Radiosendung „Vienna Rec“ auf Radio Orange (o94) ausgestrahlt und archiviert. Zusätzlich ist eine Transkription geplant, die in weiterer Folge als Zine veröffentlicht wird.
Ein vorbereitender Online-Lesekreis im Vorfeld ermöglichte Teilnehmenden aus unterschiedlichen (nicht-)akademischen und (nicht-)aktivistischen Kontexten eine gemeinsame inhaltliche Annäherung und trug zu einer inklusiveren Diskussion bei.
Kollektives Abschiedsritual
Den Abschluss bildete ein kollektives Abschieds- und Erinnerungsritual für die verstorbenen Community-Mitglieder. Dieses Ritual war integraler Bestandteil des Abends und machte Care als gelebte, emotionale und politische Praxis erfahrbar.Nachhaltigkeit und langfristige Wirkung. Durch Archivierung, mediale Weiterverbreitung und Community-Anbindung entfaltet die Veranstaltung nachhaltige Effekte:
- Stärkung von XAOS Queer Care Club Vienna als Ort kollektiver Wissens- und Community-Bildung
- Sichtbarmachung und Zugänglichmachung von Mutual-Aid- und Care-Praktiken
- Aufbau transnationaler Verbindungen und zukünftiger Kooperationen
- Anerkennung queerer und trans Lebensweisen als wesentliche Quellen von Wissen und Expertise
Fazit
Die Veranstaltung verband politische Analyse, kollektive Trauer, barrierebewusste Praxis und internationale Vernetzung. Mutual Aid and Care wurde nicht nur diskutiert, sondern konkret gelebt – als Form von Widerstand, Beziehungspflege und gemeinsamer Zukunftsgestaltung.